"(...) Auf ihrer gegenwärtigen Kulturstufe ist die Menschheit
nichts weiter als ein anmassender Neuling, der nach viereinhalb Jahrmilliarden
auf dem Schauplatz unseres Planeten auftauchte, sich ein paar Jahrtausende
umschaute und sogleich im Besitz ewiger Wahrheiten wähnte. In einer so schnellem
Wandel unterworfenen Welt wie der unseren jedoch muss diese Einbildung
geradewegs ins Verderben führen.
Keine Nation, keine Religion, kein Wirtschaftssystem, keine Wissensinstitution
kann alle für unser Überleben notwendigen Antworten kennen. Es muss viele
unseren derzeitigen Gesellschaftssystemen weit überlegene Möglichkeiten geben,
und es ist unsere Aufgabe, sie im Namen unserer Wissenschaftstradition ausfindig
zu machen.
Einmal nur hat sich in der vergangenen Menschheitsgeschichte
eine glanzvolle wissenschaftliche Zivilisation abgezeichnet. Als Nutzniesserin
des ionischen Erwachens hatte sie ihre Hochburg in der Bibliothek von Alexandria
aufgerichtet, wo vor 2000 Jahren die besten Köpfe der Antike die Grundlagen für
das systematische Studium der Mathematik, Physik, Biologie, Astronomie,
Geographie und Medizin legten, Grundlagen, auf denen wir heute noch aufbauen.
Errichtet und unterhalten wurde die Bibliothek, die von ihrer Gründung im 3.
vorchristlichen Jahrhundert bis zu ihrer Zerstörung 700 Jahre später als Kopf
und Herz der antiken Welt fungierte, von den Ptolemäern, den griechischen
Königen, die als Anteil am Reich Alexanders des Grossen Ägypten geerbt hatten.
Unter ihnen rückte Alexandria zur Verlagshauptstadt unseres
Planeten auf. Natürlich gab es damals noch keine Druckerpressen. Die Bücher
mussten von Hand abgeschrieben werden und waren dementsprechend teuer. Dennoch
besass die Alexandrinische Bibliothek die exakteste Kopiensammlung der Welt, und
ausserdem wurde hier die Kunst der kritischen Herausgabe erfunden. Auch das Alte
Testament in der uns bekannten Fassung geht weitgehend auf die in der
Alexandrinischen Bibliothek angefertigten griechischen Übersetzungen zurück. Die
Ptolemäer investierten einen guten Teil ihres unermesslichen Reichtums in den
Erwerb von Büchern aus aller Welt, aus Afrika, Persien, Indien und Israel, vor
allem aber aus Griechenland. So bedrängte Ptolemäus III. Euergetes die Athener,
ihm die Originalmanuskripte oder offiziellen Staatskopien der grossen Tragödien
von Sophokles, Aischylos und Euripides zum Kopieren zu überlassen. Aber die
Athener, die diese Manuskripte, ähnlich wie die Engländer die handschriftlichen
Kopien und ersten Folioausgaben von Shakespeare, als kulturelles Erbe heilig
hielten, wollten die Originale erst nicht aus der Hand geben, liessen sich dann
aber durch Hinterlegung einer ansehnlichen Summe doch dazu bewegen. Ptolemäus
jedoch veranschlagte die Schriftrollen höher als Gold und Silber und gab das
Pfand leichten Herzens hin. Die kostbaren Manuskripte wurden der Bibliothek
einverleibt, und die Athener mussten sich wohl oder Übel mit den Kopien
begnügen, die der Herrscher ihnen ohne sonderliche Zerknirschung überreichen
liess. Nur selten hat ein Staatswesen das Streben nach Wissen so aktiv
unterstützt.
Doch die Ptolemäer sammelten das bereits gewonnene Wissen
nicht nur, sondern bauten es durch grosszügige Förderung und Finanzierung der
wissenschaftlichen Forschung auch immer weiter aus. Die Ergebnisse konnten sich
sehen lassen: Erastosthenes berechnete exakt die Grösse der Erde, fertigte eine
Weltkarte an und bewies, dass man von Spanien westwärts segelnd Indien erreicht;
Hipparch katalogisierte als erster die Position und Grösse der Sterne und
entdeckte dabei Veränderungen, die ihn die Erkenntnis, dass Sterne entstehen,
jahrhundertelang gemächlich ihre Bahn ziehen und schliesslich wieder verlöschen,
vorwegnehmen liess; Euklid schrieb ein Lehrbuch über Geometrie, das 2300 Jahre
lang an den Schulen verwendet wurde und Keplers, Newtons und Einsteins
wissenschaftliches Interesse wecken half; Galen verfasste Werke über die
Heilkunst und Anatomie, die die Medizin bis zur Renaissance beherrschten. Und
dazu kamen, wie wir weiter vorn bereits gesehen haben, noch viele andere mehr.
Alexandria war die grösste Stadt der antiken Welt. Hier
liessen sich Angehörige aller Nationen nieder, trieben Handel und widmeten sich
der Gelehrsamkeit. Tagtäglich drängten sich Kaufleute, Wissenschaftler und
Touristen in den Häfen, tauschten Griechen, Ägypter, Syrer, Hebräer, Perser,
Nubier, Phönizier, Italer, Gallier und Iberer Waren und Ideen aus. Hier dürfte
das Wort Kosmopolit - Bürger nicht nur einer Nation, sondern des Kosmos - seine
wahre Bedeutung erhalten haben. Bürger des Kosmos ...
Hier liegen ohne allen Zweifel die Ursprünge der modernen
Welt. Warum aber ist die Saat nicht aufgegangen und gediehen? Warum ist der
Westen statt dessen in einen tausendjährigen dumpfen Schlaf gesunken, bis
Kolumbus und Kopernikus und ihre Zeitgenossen die in Alexandria geleistete
Vorarbeit wiederentdeckten - eine Frage, die sich nicht ohne weiteres
beantworten lässt. Fest steht aber, dass sich in der ganzen Geschichte der
Bibliothek kein Hinweise darauf findet, dass irgendeiner ihrer namhaften
Wissenschaftler und Gelehrten die damals gängigen politischen, wirtschaftlichen
und religiösen Annahmen ernstlich in Frage gestellt hätte. Die Unvergänglichkeit
der Sterne wurde bezweifelt - die Berechtigung der Sklaverei nicht. Wissenschaft
und Bildung ganz allgemein waren das Vorrecht weniger Privilegierter. Die breite
Bevölkerung ahnte nicht, welch grosse Entdeckungen hinter den Mauern ihrer
Bibliothek gemacht wurden. Sie erfuhr nichts von den neuen Erkenntnissen, die
weder erläutert noch allgemeinverständlich dargestellt wurden, und hatte damit
wenig Anteil an der Forschung. Entdeckungen auf dem Gebiet der Mechanik und der
Dampftechnologie wurden hauptsächlich zur Verbesserung der Waffen, zur
Untermauerung des Aberglaubens und zum Vergnügen der Könige eingesetzt.
Dass Maschinen dem Volk mehr Freiheit verschaffen könnten, entging den
Wissenschaftlern der damaligen Zeit.
Mit einer einzigen Ausnahme: Die von Archimedes wärend seines
Aufenthalts in der Alexandrinischen Bibliothek erfundene Wasserschraube wird in
Ägypten noch heute zur Bewässerung der Felder eingesetzt. Doch selbst Archimedes
hielt derartige Erfindungen für weit unter der Würde der Wissenschaft.
Da die grossen geistigen Errungenschaften der Antike kaum
unmittelbare praktische Auswirkungen zeitigten, fing das Volk für die
Wissenschaft auch nicht Feuer, und so gab es kein Gegengewicht gegen geistige
Trägheit, Pessimismus und die abscheulichsten Auswüchse des Mystizismus. Als
sich der Mob schliesslich zusammenrottete, um die Bücherei niederzubrennen, trat
ihm niemand entgegen, um ihm Einhalt zu gebieten.
Als letzte Vertreterin der Wissenschaft arbeitete in der
Bibliothek eine Frau von einer auch heute noch bewundernswert vielseitigen
Bildung: die Mathematikerin, Astronomin, Physikerin und Leiterin der
neuplatonischen Schule der Philosophie Hypatia. 370 in Alexandria geboren, zu
einer Zeit, in der Frauen als Eigentum behandelt wurden und wenig zu sagen
hatten, bewegte sich Hypatia frei und unbefangen in Domänen, die
traditionellerweise den Männern vorbehalten blieben. Die Berichte schildern sie
übereinstimmend als grosse Schönheit mit vielen Verehrern, die jedoch alle
Heiratsanträge ausschlug. Alexandria, seit langem schon unter römischer
Herrschaft, stand zu diesem Zeitpunkt unter grossem Druck. Die Sklaverei hatte
der klassischen Zivilisation die Lebenskraft ausgesaugt, und die wachsende
christliche Kirche festigte ihre Macht und suchte die heidnische Kultur und
ihren Einfluss auszurotten. Hypatia stand im Epizentrum dieser mächtigen
sozialen Kräfte. Der Erzbischof von Alexandria, Kyrillos, verachtete sie wegen
ihrer engen Freundschaft mit dem römischen Statthalter und als Symbol der von
der Urkirche weitgehend mit Heidentum gleichgesetzten Gelehrsamkeit und
Wissenschaft. Hypatia jedoch setzte trotz drohender Gefahr für Leib und Leben
ihre Lehr- und Publikationstätigkeit fort, bis sich 415 der von Kyrillos
aufgehetzte Mob auf dem Weg zur Bibliothek auf sie stürzte, sie vom Wagen
zerrte, ihr die Kleider vom Leib riss und mit Muschelschalen das Fleisch von den
Knochen schnitt. Ihre Überreste wurden verbrannt, ihre Werke getilgt, ihr Name
vergessen und Kyrillos zum Heiligen erhoben.
Uns ist vom Glanz der Alexandrinischen Bibliothek nur eine
schwache Erinnerung verblieben. Schon bald nach Hypatias Tod wurden die letzten
Überreste zerstört. Es war, als hätte sich die ganze damalige Zivilisation
eigenhändig einen Teil des Gehirns weggeschnitten und damit die meisten
Erinnerungen, Entdeckungen, Ideen und Leidenschaften unwiederbringlich
ausgelöscht. Der Verlust scheint unermesslich. In manchen Fällen sind uns - eine
Tantalusqual - nur die Titel der vernichteten Werke erhalten, meist jedoch
kennen wir weder Titel noch Verfasser. Von 123 in der Bücherei aufbewahrten
Sophoklesdramen haben nur sieben überlebt, freilich nicht die hier aufbewahrten,
denn die Schriftrollen dieser grandiosen Bibliothek sind samt und sonders
untergegangen. Ein ähnliches Zahlenverhältnis gilt auch für die Werke von
Aischylos und Euripides - gerade, als wären von einem Mann namens William
Shakespeare nur Coriolan und Das Wintermärchen erhalten geblieben, während
andere, zu Lebzeiten des Dramatikers offensichtlich hochberühmte Stücke wie
Hamlet, Macbeth, Julius Caesar, König Lear, Romeo und Julia untergegangen wären.
Im modernen Alexandria spielt die ehedem so berühmte
Bibliothek wie die voraufgegangene, jahrtausendealte ägyptische Kultur keine
grosse Rolle mehr. Nur wenige interessieren sich noch dafür, geschweige denn,
dass sie mehr darüber wissen. Ereignisse aus jüngerer Zeit, andere kulturelle
Imperative haben sich, wie überall auf der Welt, in den Vordergrund geschoben.
Wir unterhalten nur eine äusserst dürftige Beziehung zu unserer Vergangenheit.
Und doch finden sich nur einen Steinwurf von den Ruinen des Serapeums entfernt
Überreste vieler Kulturen: rätselhafte Sphinxe aus dem Ägypten der Pharaonen;
eine grosse Säule, die irgendein Speichellecker aus der Provinz dem römischen
Kaiser Diokletian zum Dank dafür errichtete, dass er die Alexandriner nicht
gänzlich verhungern liess; eine christliche Kirche; viele Minarette; und das
Wahrzeichen der modernen Industriezivilisation - Etagenhäuser, Autos,
Strassenbahnen, städtische Elendsviertel und ein Mikrowellen-Relaisturm. So
haben sich Millionen Fäden aus der Vergangenheit zu den Kabeln und Trossen der
modernen Welt verschlungen.
Unsere Errungenschaften bauen auf der Leistung von
vierzigtausend Generationen auf, Menschen, die mit Ausnahme eines winzigen
Bruchteils als Namenlose längst vergessen sind. Von Zeit zu Zeit stolpern wir
über eine bedeutendere Kultur wie die von Ebla, die vor wenigen Jahrtausenden
blühte und bis vor kurzem völlig unbekannt war. Wie wenig wir doch über unsere
eigene Vergangenheit wissen! Inschriften, Papyri und Bücher binden die
Menschheit in die Zeit ein, und so ist es uns vergönnt, wenigstens ein paar
Stimmen, ein paar schwache Rufe unserer Brüder und Schwestern zu hören, die uns
in ferner Vergangenheit vorausgegangen sind. Welch freudiges Erkennen, wenn wir
entdecken, wie ähnlich sie uns sind!
(...) Eratosthenes, Demokrit, Aristarch, Hypatia, Leonardo,
Kepler, Newton, Huygens, Champollion, Humason, Goddard, Einstein ... Sie alle
sind Vertreter der westlichen Kultur, handelt es sich doch bei der auf unserem
Planeten im Entstehen begriffenen wissenschaftlichen Zivilisation im
wesentlichen um eine Zivilisation westlicher Prägung. Daneben jedoch haben auch
alle anderen Kulturen - die chinesische so gut wie die indische,
westafrikanische und mittelamerikanische - durch schöpferische Denker
massgeblich zu unserer globalen Gesellschaft beigetragen, jener einen,
weltumspannenden Gemeinschaft, die sich dank der Fortschritte in der
Kommunikationstechnik auf unserem Planeten in geradezu halsbrecherischem Tempo
herausbildet. Wir befinden uns bereits im Endstadium der Entwicklung: Gelingt es
uns, die Selbstzerstörung zu vermeiden und die Erde zusammenzuschliessen, ohne
doch die kulturellen Unterschiede zu verwischen, können wir auf unsere Leistung
stolz sein.
Unweit der Stelle, an der einst die Alexandrinische
Bibliothek stand, findet sich heute eine Sphinx ohne Kopf aus der Zeit des
Pharaos Haremhab (8. Dynastie, d.h. rund ein Jahrtausend vor Alexander) und in
Sichtweite des Löwenkörpers ein moderner Mikrowellen-Relaisturm - zwei
Schöpfungen, durch den fortlaufenden Faden der Menschheitsgeschichte miteinander
verknüpft. (...)"
Carl Sagan, "Unser Kosmos"